Neid

„Wieso können die sich so eine Karre leisten?“ Der Neid in ihrer Stimme ist unüberhörbar. Gemeint ist ein Mercedes der Oberklasse, aus dem zwei, noch keine Fünfundzwanzigjährige, aussteigen. Mit „die“ gemeint ist der Hintergrund der Kids, der irgendwann mal italienisch, türkisch, spanisch oder was auch immer war. Neidrassismus at it´s best. „Leasing, Kredit aufnehmen, reichen Papa, keine Miete zahlen“, flötet ihre Kollegin, freundlich bemüht, den Rassismus zu überhören. Sie sagt

Lebensfeindliche Atmosphäre

„Houston, da steckt doch ein Wurm drin.“ Schon die zweite Terminverschiebung des Filmdrehs für den PresseKlüb. Die Zukunft muß dem Mittelalter weichen. Passt zur Stadt. Also bleiben die Anzüge in der Druckkammer, bevor wir in die lebensfeindliche Atmosphäre der Innenstadt hinabsteigen. In Plauen ist auch lebensfeindliche Atmosphäre. Übelster Nazischeiß, der da am ersten Mai braun durch die Straßen floß. Mögen Touristen, die Wirtschaft und NichtNazis diese Gegend tunlichst meiden. Vielleicht

Frickelpisser

Das sind so Momente, da lacht der innere Wortschöpfer in mir. Während ich schrieb, rutschte mir ein Begriff durch den Kopf, der so natürlich wirkte, dass ich auch gar nicht weiß, ob es das Wort nicht tatsächlich gibt. Aber ‚Frickelpisser‘ , so heißt das Wort, können Sie, wenn ich es erfunden haben sollte, gerne benutzen. Es ist ein männliches Wort. Und ein Wort, dass man* für Männer gebrauchen kann. „Boah,

Grünbitter

Wie ein dickes Sandmännchen bewegt der füllige Opa seinen Körper. Umrundet wird er von einem kleinen, hyperaktiven Postboten mit kräftigen, bloßen Waden auf seinem singenden Elektrorad. Das wirkt auf mich in dieser, sonst morgenleeren Stadt mit diesem apriligen Strahlelicht wie DDR auf LSD. Und das während des Morgenkaffees. Natürlich gibt Schnatterinchen ihren Senf dazu. Es riecht plötzlich nach Zweitakter und verbrannter Braunkohle, und am Ende der Straße ist das Gemeinschaftsbackhaus

Truthuhn

Manchmal überläuft mich so ein Schauder. Dann bin ich der kleine Compsognathus, der zierliche Kiefer in der Größe eines Truthuhns, so Wikipedia, starre in den Himmel auf den Feuerball, der immer näher kommt, quieke kurz, fletsche die vielen, spitzen Zähne und schüttle den viel zu großen Compsokopf. Da kommt was Großes auf uns zu. Die anderen Dinos blinzeln kurz und fressen weiter. Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Einem Gast

Oberstadt

„Red nicht so laut, herrscht die alte Tochter die noch ältere Mama an. „Red nicht so laut. Hier wohnen lauter böse Leute.“ „Was“, brültt Mama? Mit unpassendem, angeekeltem Entsetzen dreht sich die Tochter um, ob die Bösen näher kommen. „Frohe Ostern“, sage ich freundlich, aber die Tochter hat so viel Schlechtes über die Oberstadt gehört, da zerrt sie lieber erschreckt an Mamas Rollator, dass diese fast stolpert, aber noch freundlich:

Ostersonntag

„Ich muss meinem Mann jetzt immer die Gummistrümpfe anziehen. Hat mir auch keiner gesagt, als ich geheiratet habe.“ Die alte Dame runzelt die Stirn, und bei dem Gesichtsausdruck möchte ich nicht wissen, wie oft sie schon ihre Fingernägel in das Fuß-oder Beinfleisch ihres Mannes, natürlich unbeabsichtigt, gerammt hat. Der alte Mann des Musikgeschäftes reibt selbst am Ostersonntag liebevoll über sein Tesafilm an den Plakaten, schließt dann seinen Laden auf und

Festungsurlaub

Hier ist Grenze. Drei Wochen konzentriertes Arbeiten an fünf Astronautenanzügen für den Presseklüb, vorher Premiere des neuen Programms, jetzt eine Woche Friesland, Urlaub in der Ferienfestungsanlage ‚Esonstad‘ mit insgesamt acht Menschen und drei Hunden, zwischen Astronautenanzug und dem Jetzt noch ein Gast mit einem großen, dicken, alten, schwarzen Labrador und einem großen schlanken, jungen Labradudel, der sich allerdings wie ein armenisches Springschaf benimmt, sind ausreichend, meine Langmut herauszufordern. Ziemlich grenzwertig,

common sense

Manchmal reicht das niggelige Geplapper einer R-Rentnerin, um das Wohlfühllevel um drei Punkte sinken zu lassen. Es ist Stöhntag. Die Kälte läßt alle das Gesicht verziehen und seltsam gequälte Geräusche machen. Ein Gefühl, wie in einer Apfelblüte sitzend, die zum Schutz vor Kälte einen Eispanzer aufgesprüht bekommt. Auch, wenn es durchaus ein poetisches Bild abgeben würde, ich in einer gefrorenen Apfelblüte, ist es doch eher utopisch, da ich zum fresekötteln

Kaviar

„Ist da Kaviar drin?“ Der Frage und dem Blick nach weiß diese Kundin nicht viel von Kaviar, außer, dass er teuer ist und sie ihn sich nicht leisten kann. Aber wenn er hier, in diesem Brot, zu diesem Preis, da könnte man doch mal, und die kleine, magere Gier der Armut blitzt kurz in ihren Augen auf. Das ist die Hoffnung auf sonst nicht erreichbaren Luxus. Sozusagen ein Extraschnäppchen, ein