Oberstadt

„Red nicht so laut, herrscht die alte Tochter die noch ältere Mama an. „Red nicht so laut. Hier wohnen lauter böse Leute.“ „Was“, brültt Mama? Mit unpassendem, angeekeltem Entsetzen dreht sich die Tochter um, ob die Bösen näher kommen. „Frohe Ostern“, sage ich freundlich, aber die Tochter hat so viel Schlechtes über die Oberstadt gehört, da zerrt sie lieber erschreckt an Mamas Rollator, dass diese fast stolpert, aber noch freundlich:

Ostersonntag

„Ich muss meinem Mann jetzt immer die Gummistrümpfe anziehen. Hat mir auch keiner gesagt, als ich geheiratet habe.“ Die alte Dame runzelt die Stirn, und bei dem Gesichtsausdruck möchte ich nicht wissen, wie oft sie schon ihre Fingernägel in das Fuß-oder Beinfleisch ihres Mannes, natürlich unbeabsichtigt, gerammt hat. Der alte Mann des Musikgeschäftes reibt selbst am Ostersonntag liebevoll über sein Tesafilm an den Plakaten, schließt dann seinen Laden auf und

Festungsurlaub

Hier ist Grenze. Drei Wochen konzentriertes Arbeiten an fünf Astronautenanzügen für den Presseklüb, vorher Premiere des neuen Programms, jetzt eine Woche Friesland, Urlaub in der Ferienfestungsanlage ‚Esonstad‘ mit insgesamt acht Menschen und drei Hunden, zwischen Astronautenanzug und dem Jetzt noch ein Gast mit einem großen, dicken, alten, schwarzen Labrador und einem großen schlanken, jungen Labradudel, der sich allerdings wie ein armenisches Springschaf benimmt, sind ausreichend, meine Langmut herauszufordern. Ziemlich grenzwertig,

common sense

Manchmal reicht das niggelige Geplapper einer R-Rentnerin, um das Wohlfühllevel um drei Punkte sinken zu lassen. Es ist Stöhntag. Die Kälte läßt alle das Gesicht verziehen und seltsam gequälte Geräusche machen. Ein Gefühl, wie in einer Apfelblüte sitzend, die zum Schutz vor Kälte einen Eispanzer aufgesprüht bekommt. Auch, wenn es durchaus ein poetisches Bild abgeben würde, ich in einer gefrorenen Apfelblüte, ist es doch eher utopisch, da ich zum fresekötteln

Kaviar

„Ist da Kaviar drin?“ Der Frage und dem Blick nach weiß diese Kundin nicht viel von Kaviar, außer, dass er teuer ist und sie ihn sich nicht leisten kann. Aber wenn er hier, in diesem Brot, zu diesem Preis, da könnte man doch mal, und die kleine, magere Gier der Armut blitzt kurz in ihren Augen auf. Das ist die Hoffnung auf sonst nicht erreichbaren Luxus. Sozusagen ein Extraschnäppchen, ein

Krähenfüsse

Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, sich kasteit zu fühlen, als nach einer Premiere mit knapp zwanzig ZuschauerInnen. Das ist wie Krähenfüsse auf die entzündete Seele. Nicht, dass ich es nicht kennen würde. Auch wenn es nicht so oft geschieht, so schmilzt doch jedesmal das Selbstbewußtsein wie ein Schneeann in der Wüste. Da hilft es auch nicht viel, dass von den Wenigen, die da waren, nur positive Rückmeldungen, sogar ein

nich so dolle

Es ist strategisches Zurückweichen, wenn ich eine Tasse Kaffee haben möchte, aber zwei weibliche Vertreterinnen der R-Rentner an der Theke stehen. Wenn zwei von ihnen zusammenglucken, werden ihre Auren toxisch hochtransformiert. Da möchte ich jeglichen auratischen Kontakt vermeiden. So schlimm kann kein Durst sein, dass ich mich an ihrem Gift verätze. Meine Frisur sitzt, Licht und Ton stehen, und langsam bekommt sogar der Text Bedeutung. Uiuiuiui. Da kommt es nicht

platsch

Je schöner das Wetter, desto schwieriger ist es, ins Theater zu verschwinden. Und es ist grade richtig schön. Dafür ist es im Theater richtig muckelig warm, um die Luftfeuchtigkeit von 200% zurückzudrängen. Es tropft an vier Stellen durch die Decke. In ruhigen Momenten auf der Bühne hör ich es platschen, auf drei Positionen seh ich die Tropfen sogar im Scheinwerferlicht. Die Regenfluten der letzten Tage haben wohl die letzten Dichtungen

Bratwurst

Endlich! Der Bratwurstmann räumt die Absperrungen an die Seite und schiebt dann, mit Unterstützung zweier Verkäuferinnen der Metzgerei, die Bratwurstbude auf das neue Pflaster. Endlich Stoff für die Bratwurstjunkies. Was die Fixerstuben für Düsseldorf sind, ist die Bratwurstbude für Menden. Die Schweinefleischabhängigen sind sehr zahlreich in dieser Stadt, und je tiefer man* ins Sauerland vordringt, desto mehr KonsumentInnen gibt es. Bratwurst Bratwurst über alles und Kartoffeln oben drauf danach lasst

Ab jetzt

Die Trübnis lugt aus jedem Herzen, dass vorüber zieht. Es wirken lähmende Kräfte gegen jegliches Aufraffen. Meine Lieblingsfantasie ist im Moment die, bei der ich, fröhlich pfeifend, den Berg zum Theater hochhüpfe, lachend die Tür aufschließe und juchzend auf deie Bühne springe. Die Realität ist da anders. Gäbe es ein Leben auf der Rolle einer Dampfwalze, es wäre meins. Irgendwer hat grad Spass daran, mich genüßlich durch die Heißmangel zu