Lustiger Haufen

Wie anrührend, wenn eine Hundehalterin bei Regen den Schirm auch über ihren Hund hält. „Drei, fünf und acht. Der hat die Kinder einfach aus dem Fenster geschmissen.“ „Flüchtlingsheim?“ „Nee, normal. Also…“ Die Rößler-Rentner differenzieren sehr genau. Es ist der Tag nach Weiberfastnacht. Mendens Frauen haben sich als rauchende Regenschirmhalterinnen mit großen Augenringen verkleidet. Das Thele-Tubbi grüßt nickend. Wieso ist das noch nicht in Rente? Das Sauerland ist ja bekannt für

Kaffee mit Welle

Was haben ein fetter Rauhaardackel und ein plötzliches Gefühl miteinander zu tun? Ein Paar Engelsflügel in Plastik werden vorbeigetragen. Die tragende Person ist so umfänglich, dass sie auch mit drei Paar Flügeln dem Boden nur mühsamst entschweben könnte. Wieder ein Rauhaardackel, wieder dieses Gefühl. Puff´s Jupp, der mit seiner Frau Klara die Wohnung belegte, in der jetzt die Liebste wohnt, kommen mir in den Sinn. Jupp und Klara hatten einen

Ohrkriecher

„Oh la la. Da kann man ja sagen: ‚Fronkreisch, Fronkreisch.‘ “ haucht etwas in mein Ohr, während ich versuche, meine Gedanken zu sammeln. Ich schrecke zusammen, wende meinen Kopf und blicke auf herausschauende, graue Nasenhaare, grobe Poren und alte Aknekrater unter rotgeschabter Haut. Was ist das für eine Angewohnheit, vage bekannten Menschen fast ins Ohr zu kriechen? Den Namen des Ansprechers kenne ich nicht. Grüßen tun wir uns seit einem

Streifenfrei

Mittwochs ist Putztag in Mendens Innenstadt. „Gin dobre“, sagt die Spielhallenaufsicht zu ihrer Kollegin und prüft mit kritischem Blick den linkshändigen Flitschenschwung des Fensterreinigers. Die Kollegin kommt mit zwei Kaffee zurück. Dann stehen beide im Türrahmen, rauchen und beäugen den Mann im blauen Overall, seinen Eimer, Flitsche, Schwamm und Leder. Ansetzen, abziehen, trocknen, fertig. „Mein Mann ist gestorben. Da komm ich ja kein Brot mehr holen“, tönt eine gutgelaunte Stimme

So!

So. Genug geschwiegen und Gold gesammelt. Mir fehlten seit Neujahr die Worte. Das Kind in mir hat nur noch, Worte zerfetzend, geschrieen. Es fühlte sich vierzig Jahre in die Vergangenheit versetzt. Die Nazis, die Sexisten, die rassistischen Arschlöcher und die Kleinbürger. Das Kind schrie verzweifelt: „Ich weiß, was jetzt kommt“, dabei hatte es zuvor gedacht, dieser ganze Dreck hätte sich längst erledigt. Es ist wie früher, nur, dass die Leute

Kurz vor Schluß

Das Rücklicht des gelben DHL-Wagens, mit einem Kabelband befestigt, wackelt wie ein Lämmerschwanz auf Captagon. Direkt darüber klebt eine Auszeichnungsplakette für den ersten Platz für irgendwas von irgendwem. Sie ist nicht für Sicherheit am Auto, soviel kann ich erkennen. Die Person neben mir heißt Hannelore, ist eine eingetrocknete, verkniffen parfümierte Mundatmerin, die sich viel zu dicht mit ihrem Stuhl an meinen drängt. Ihr Duft läßt meine Olfaktorik zusammenzucken. Sie ist

Wichse

„Fahr mit Wix, dann passiert Dir nix“, verspricht ein Taxiunternehmen an der Autotürwerbung. Das ist vertrauenserweckend. Die Grottenolme der Umgebung sind aus ihren Winterlöchern gekrabbelt und halten ihre Teiggesichter in die Sonne. So warm. Kommt der Nikolaus dieses Jahr in roter Badehose? „I´m looking for freedom.“ Sechs Tornados (so sie denn funktionieren) sollen die Gotteskrieger aufklären, während andere diese ihrem Gott näherbringen. Weihnachten gibt es nicht im Islam, da können

100000 Lichter

„Die Wurzel allen Übels ist die Gier“, sagt der Fernsehpfarrer Herzensbrecher, und ich denke, eine Wurzel des Übels ist ganz sicher das Fernsehprogramm. Vor allem, wenn ich an den nächsten Programmpunkt denke. Es ist Betreuungssamstagabend, und die Klientin möchte nach „Herzensbrecher“ im ZDF das Adventsfest der 100000 Lichter sehen. „Weihnachten ist gesund“, zitiert Herr Silbereisen eine Überschrift aus Neue Post oder Frau im Spiegel. Ross Sowieso und eine Frau in

Trockentränen

„Sie sehen aber auch ein wenig plurrig aus.“ „Wie seh ich aus?“ „Plurrig. So um die Augen. Haben Sie einen Infekt?“ „Das kommt vom trockenen Weinen. Meine Tränen sind alle verbraucht. Dabei steh ich grad in der Blüte des Lebens.“ Zur Zeit hat sich der Krieg in den Köpfen gut situiert. Nicht nur Springer ist blutgeil. Rache, Vergeltung, Gegenschlag, Bündnisfall, die Presse kriegt sich gar nicht wieder ein. Leichen live

Vox Populi

Wer in der Öffentlichkeit frühstückt, muß damit rechnen, dass ein streunender Fußballfan auftaucht. Da reicht schon die Anwesenheit mit Basecab oder Schal in Vereinsfarben. Früher oder später wird diese Mannschaftssportart lautes Thema sein. Eine Frau mit rot-gefärbten Haaren und einer Frisur, die ich im Vollrausch und einer Nagelschere auch nicht schlechter hinbekommen hätte, fallen ununterbrochen Worte aus dem Mund. Ihr weibliches Gegenüber nickt, während die Worte um sie herumpurzeln. Draußen