Der Clip

  Rot. Heute ist ein Tag des roten Fleisches. „Nein, Schatzi. Darf ich dir nicht zeigen rotes Fleisch.“ Meine ich doch auch nicht. Ich meine rotes, verbranntes Fleisch. Sonnenbrandfleisch, Krebsvorstufefleisch. Kurze Hosen, Röcke und Ärmel haben Saison. Da sitzt das virginale, weiße Fleisch. Oder hängt. „Is ja Sommersonne. Die beißt, weißte?“ Verdutzt bin ich schon, da jeder und jede Entgegenkommende die Hautfarbe eines am Strand eingeschlafenen Briten hat. Das kann

Rubin

„Übe Gelassenheit im Umgang mit Menschen“, ist eine Beschwörungsformel, die man gar nicht oft genug vor sich hersagen kann. Ferien sind bald. Der späte Vormittag ist voll mit Jugend mit fertigem Nachwuchs, fast fertigem Nachwuchs oder ganz ohne Kind. Endlich macht der Sommer seine Arbeit. Ich trage eine weiße Sommerhose. Menschen essen zum Frühstück Eis. Die Rößler-Rentner, heute zahlreich, belasten die Umwelt nicht nur mit ihrem überflüssigen CO2 Ausstoß. Ihre

„Rossini? Ist das nicht diese Baby-Schimmerlos-Klitsche? Der wir den Kir Royal zu verdanken haben?“ Ich sitze, Wunder über Wunder, in Menden vor dem Bahnhofsrestaurant Rossini und trinke Kaffee mit Blick auf den Vincenz. Es riecht intensiv nach geschnittenen Gurken. Das akustische Signal der Kreuzungsampel hört sich auf die Entfernung an wie das Freßgeräusch der Crazy Crabs, eines Taschenvideospiels aus den Neunzigern. Es hat was von Sommer, denke ich und prompt

Blattern

Die Synchronisation der Fußballmassen verbannt mich in die Isolation. Es ist ein unhöfliches und aufdringliches Pack, diese Fußballmasse. Im Kleinen nationalisiert sie ihre Vereinsfarben, im Großen die Staatsfarben. Kein Alltagsgegenstand, der nicht national beschmiert wurde.   Plötzlich ist alles ‚Wir‘. Das ‚Wir‘ zeigt gleiche Symptome wie in einer Menschenfreundschaft, bei der man, kaum dreht man ihr den Rücken zu, ein Messer hineingedrückt bekommt. Die Masse ist entzückt bei Schulterbeißern, Ellbogenrammern,

soziale Interaktion

„Und wir brauchen heute noch etwas soziale Interaktion“, sagte ich zu meiner Liebsten, um wenigstens einen guten Grund für einen kleinen Spaziergang zu benennen. Wenige Menschen in der Innenstadt, aufgestellte Fernseher quäken in Fußballsprache, einige Entgegenkommende tragen gewickelte Tücher gegen den kalten Wind. „Möchtest Du im Strandkorb sitzen oder da“, frage ich die Liebste und nicke in Richtung des einzigen, freien Tisches. „Nicht fragen. Einfach hinsetzen“, erwidert sie, während sich

Rinne!

  Eigentlich wollte ich über die Schönheiten verschiedener Sauerländer Regionen schreiben – eine Tour zur Sorpe über Kloster Oehling – und Enkhausen mit schmalen Straßen und prallem, satten Grün weckt manchmal in mir dieses Bedürfnis – aber als ich am Seniorentreff in Menden vorbeigehe, fehlt da seit den Morgenstunden eine gut gewachsene, gesunde, mittelalte Platane. Gäbe es doch Städteplaner, die gewachsene Strukturen einbezögen. Das aber sieht der Plan nicht vor.

Heringsdorf

„Der Name klingt nett. Laß uns da Urlaub machen.“ „Aber Du magst doch keinen Fisch.“ „Da wird es auch bestimmt was anderes geben als Fisch.“ „In Heringsdorf?“ So, oder so ähnlich verlief die Unterhaltung vor circa drei Monaten zwischen mir und der Liebsten. Mit dem Zug war es zwar eindeutig zu teuer, aber Heringsdorf auf Usedom klang so verlockend, dass wir uns entschlossen, mit dem Auto zu fahren. Unsere erste

schlimme Jungssache

Gerade der Pubertät entkommen, stehen, hocken oder sitzen sechs angetrunkene, junge Männer bei Bichmanns Blutbuche, den Bollerwagen, mit einer Kiste Bier, Baguette und Käse beladen, am Straßenrand geparkt, und unterhalten sich lautstark über Frauen. Schlitzaugen, Schlupflider, blond, schwarz, blau oder grün, Locken oder glatt, große Brüste, kleine Brüste, Rock, Hose, Brille ja-nein, Stöckelschuhe, Strapse, Korsett, dick, dünn. Ihre Erfahrungen haben sie sich offensichtlich beim Durchblättern von diversen Hochglanzmagazinen geholt. Sie

card blanche

„Ich hätte gerne das da.“ „Nein, Schatz. Das nicht.“ „Ich mag aber keine süßen Brötchen.“ „Dann such Dir was aus.“ „Das da.“ „Nein, Schatz. Das nicht. Drei Schokobrötchen bitte.“ Ja, Kinder. „Such Dir was aus“ ist keine card blanche. „Such Dir was aus“ bedeutet immer: Das, was Mami oder Papi gefällt. Gewöhnt euch an die Bevormundung.   narr

Schwipp-schwapp

Grad geht die Welt unter. Der Himmel stürzt ein. Die Wassertore sind weit geöffnet. Rollatorengalopp, rasende Rollstühle, hechelnde PflegerInnen, alles hetzt Richtung Unterstand. Als Abschluss der Show, ein Blitz, ein Donner, fast zeitgleich und laut. Alle Gäste von Filiale 43 zucken zusammen und reden dann gleichzeitig: „Da hat´s irgendwo eingeschlagen. Hoffentlich ist niemand tot.“ Nach einer Minute und dreißig Sekunden ist alles vorbei. „Ich bin Dein Vater“, keucht eine kichernde