Notizen, während Florian arbeitet

Florian Silbereisen hat sich mit Öl einsprühen lassen, springt speckschwartengleich durch eine Mauer aus Pappkartons, flutscht wie ein geölter Trockenfisch am Band von einem Gerüst auf die Bühne und begrüßt die Fleisch-Heidi Beatrice Egli. Skihütten-Ross hat seine Eltern mitgebracht und singt das alte Lied von einer neuen Liebe. Tanzende Teekanne, die nicht mit dem Playback klarkommt. Es entsteht der Eindruck, seine Tänzerinnen seien von einem Brillenhersteller gesponsort worden. Ross erzählt,

Erinnerungen

Es war eine dieser dunklen Abende, an denen sich Erinnerungen mit Kußhand  über jede friedliche Seele ergießen. Er verließ seine Lieblingsfiliale der Bäckereikette, atmete noch einmal tief durch und betrat die Kolpingstraße. Rechter Hand befand sich eine Wirtschaft, in der in seiner späten Jugend legendäre Schlachten geschlagen wurden. Jetzt, nachdem der greuliche Wirt aus seinem Reich vertrieben und die große, dicke Kastanie vor seiner Gaststube gefällt worden waren, beherbergten die

Rührung

Chim Chimmeny. Der Himmel weinte vor Rührung. Der Schornsteinfeger war gekommen und hatte den Dreckseimer von sich aus zweimal geleert. Das ergab eine Reinigungssteigerung von immerhin 200 Prozent. Die Schirmparade der Wilmersdorfer Witwen zog vorbei und verschwand in der Rösterei. „Och. Heute nehm ich mal ein Mettbrötchen, ein Eierlikörchen und einen Kaffee mit Schuss.“ „Für mich das Gleiche.“ Klingendes Goldgeschmeide auf gebräunter, ausgetrockneter Lederhaut über osteoporösem Knochenbau. Sie hielten die

Tscherbatscha

„Ist das da ein Tscherbatscha?“ „Was meinen Sie?“ „Ja, das da.“ Der Mann mit Lederstetson und Staubmantel zeigt in die Auslage. „Das ist ein kleines Baguette. Ach, Sie meinen Ciabatta. Nein, die kommen erst morgen wieder.“ Hör ich da ein Sporenklirren, das Durchladen einer Winchester? Ist heute wieder ein Tag der sich kreuzenden Zeitlinien? „Dann nehm ich so ein Dingens und eine Laugenstange,“ knurrt der Cowboy. „Ein Hörnchen, eine Laugenstange.

Ach Welt

Gerade erzählte mein Lieblingsnachbar Stavros, im griechischen Fernsehn hätten sie heute gesagt, Kim Jong Un hätte seinen Onkel und die vier Offiziere in einen Käfig mit hundertzwanzig hungrigen Schäferhunden gesteckt. „..nicht gefüttert. So Hunde.“ Die ursprünglich Nachricht sei aus China. Die wüßten das besser. „Bei Ntv ist auch gekommen. Auf Schriftband so.“ Das Jahr fängt gut an.

Zucker

Der Geist war willig, das Fleisch so stark. Zehn Tage keine Nahrung, nur Flüssigkeiten, bis ich gestern einen folgenschweren Fehler machte. Geplant waren eigentlich vierzehn Tage Nahrungsabstinenz. Es ging gut an. Am zweiten Tag das typische Magengrollen, verbunden mit Kopfschmerzen, dann war Ruhe. Der Geist wurde klarer, die Wahrnehmung schärfer, der Geruchsinn intensiver, das Seelenhäutchen dünner, der Körper allgemein viel spürbarer. Man ist nicht mehr so mit der Welt verbunden,

fünfzig Minuten

Ich würd ja gerne etwas Nettes, Schönes, irgendwie Positives schreiben, schließlich ist Jahresanfang, vielleicht auch etwas Lustiges, aber das Wartezimmer der Intensivstation in Herne ist Einmetersechzig breit, Dreimeterfünfzig lang und ohne Tür. Drei graue Stühle, zwei mit altrosanem Bezug und der Wirkung von vergammelten Eishörnchen. Ein kleiner Tisch mit orangener Papierdecke. Auf ihr stehen zwei grüne Glasflaschen Mineralwasser, beide knapp ein Viertel voll, und eine Kaffeetasse, die zwischen den Beiden

Herausforderung

„Geh nicht ins Licht. Geh nicht,“ flüstere ich hinter dem Lenkrad. Die Straße ist ein gleißendes Lichtermeer. Sie ist nass, die Sonne steht tief. Die Augen sind nicht in der Lage, den Lichtdornen auszuweichen. Nichts, außer Schmerzen der Helligkeit, ist zu sehen. Der Gegenverkehr verschwindet, die Augen tränen, was dem Gleißen eine Korona verleiht. War da eine Ampel? Wie ist denn jetzt der Straßenverlauf? Die Erinnerung überbrückt ein wenig die

Intensivstation

Natürlich ist es eine Narretei. Wer könnte das besser beurteilen als der narr. Aber am 24. 12. mit dem Fasten zu beginnen ist mein Yang im Ying des Festtagswahnsinns. Während andere die Kerzen entzündeten und die Geschenke auspackten, gönnte ich mir ein Microklist. Bei der Lesung am nächsten Morgen lief alles glatt. Alle von mir ausgewählten, geschriebenen Worte spazierten gemächlich durch meine Stimmritze und brachten das zahlreich erschienene Publikum in

vertrauensbildende Maßnahme

Es ist keine vertrauensbildende Maßnahme, wenn eine Krankenschwester im sterilen Dress von der Intensivstation des evangelischen Krankenhauses in Gelsenkirchen eilt: „machen Sie bitte Platz,“ die Tür zum Besucher-WC  öffnet, hinter sich schließt, und ich zunächst ein Geräusch höre, das weniger an Flatolenzen, denn an ein platzendes Schlauchboot erinnert, welches, und das ist das zweite Geräusch, einen Wasserfall herabstürzt. Dann lange Stille. Die Liebste, erfahren im Umgang mit Pflegepersonal, meint trocken: