Weiberfastnacht

98% aller Männer mit Anglerhut sehen doof aus. Bei der australischen Variante, mit Korken und anderem Gebamsel an der Krempe, sind es sogar sagenhafte 100%. „Kumma ey. Kumma.“ Die Rößler-Rentner reagieren auf die vorbeigehenden, verkleideten Frauen mit verschwommener Aussprache und erigiertem Zeigefinger. Es ist Weiberfastnacht. „Du kannst Weihnachten nicht leiden. Du kannst Karneval nicht leiden. Gibt es überhaupt ein Fest, das Du magst?“ „Das Leichenwendefest auf Madagaskar.“ Alle, die heute

Aufräumen

Aufräumen. Freiräumen. Wegräumen. Mir ist grad nach räumen, einlagern, wegschmeißen, Platz schaffen. Der Frühling kommt. Irgendwann. Demnächst. Das ist schön, aber auch nur hoffentlich zufällig zeitgleich. Platz schaffen. Ich brauche Platz in Haus und Hirn. Haus und Hirn kling wie eine Eventjournaille für daheim praktizierende Neurolog*innen Ich fühle mich, wen wunderts, so zugemüllt wie dieser Planet. Mit 16, als Mopedschrauber ohne jegliche Kentnisse, bestand das Reparieren der flotten Hercules hauptschlich

Sachertorte

Es sind die kleinen Dinge, die Geschichten erzählen. In dem Moment, in dem der Sohn den Rollator seines Vaters in sein Auto packen will, und man sowohl an seiner Handhabung des Rollators, als auch an der Aktion des Einpackens erkennt, dass er das noch nie gemacht hat, der Sohn. Er wirkt nicht wütend, aber angepisst. Natürlich gibt der alte Vater Ratschläge, was dem Junior gar nicht passt. Er hat jetzt

So ein Tag

Ach heut ist so ein Tag. Da möcht ich Hundehalter grob kupieren und Ferkelzüchter flink kastrieren. Natürlich ohne Pharmazeutika. „Der spürt doch nix. Nimm nur die scharfe Zange.“ Und knipp und knapp – schon sind sie ab. „Das tut jetzt weh. So richtig weh. Hör auf zu jaulen, Hundehalter. Halts Maul, du Schweinefürst. Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

kleine Grube

Gleich Loch graben. Kleine Grube für kleinen Kater. Der liegt jetzt noch, wie weiland seine Vorgängerin, eingehüllt in seine Lieblingsdecke, geschützt durch eine Plastiktüte, in der Tiefkühltruhe. Herr Peter P. nennt unser Haus despektierlich: Das Haus der Toten! War ein bißchen viel Gesterbe in letzter Zeit. Schneemond war, der das Ganze auch noch in fahles Nachtlicht hüllte. Da kann die Psyche schon mal gaga werden. Ein Exhalbbruder mache die Welle,

Nachlassgericht

„Sie haben aber ein Taschenmesser dabei“, sagt der Justizbeamte vom Gelsenkirchener Justizzentrum. Noch ist sein Blick freundlich, die Rechte hängt nah am Holster, während meine Jacke und Hose langsam aus dem Scanner rollen. „Mein blaues McGyver? Das ist ein Schweitzer Taschenmesse.“ „Holen Sie das bitte mal raus.“ Ich folge seiner Anweisung, krame das kleine Multifunktionalstool aus de Tasche und übergebe es ihm. „Ganz schön groß“, sagt er mit zweifelndem Gesicht

Glaube

  „Ja. Der Glaube versetzt Berge“, sagte Gott, „ich hab da nüscht mit zu tun. Ich hab ja auch nichts mit dem neuen Dschungelkönig zu tun. Das ist Menschenwerk. Da halte ich mich raus. Ich fisch mir nur eben die Coupons aus der Zeitung, aus der auch und schon zieh ich mich wieder zurück. Ich hab genug andere Entitäten, um die ich mich kümmern muß. Die Währung der Götter ist

Man gönnt sich ja sonst nichts

Bla-bla-bla möchte ich diesen Text beginnen. Ich bekomme mein Geplapper nur gestillt mit intensiver Meditation. Dann ist Ruhe im Kopfkarton. Die andere Zeit ist Bla-bla-bla. So wichtig, wie ein Polizist mit Wursttüte. Kein Menschenfreund. Heut bin ich kein Menschenfreund. Die Rößler-Gang diskutiert über die besten Parkplätze mit religiöser Inbrunst. Automatentickets sind die Hostien des 21ten Jahrhunderts, Tiefgaragen die Sakristei der Verbrennungsmotoren. Das Blut Christi hat 89 Octan und wie ich

Siegfried

„Sind Sie solo, so wie ich“, zischt es aus seinem stoppelbartumrundeten, fast zahnlosen Mund. Sie schüttelt den Kopf. „Oh schade! So eine hübsche Frau. Und dann noch Polin. Wie meine Mami. Aber damals war das noch deutsch. So schade.“ Es ist nicht ersichtlich, was für ihn so schade ist. Dass sie einen Partner oder eine Partnerin hat? Dass Polen nicht mehr deutsch ist? Dass sie eine hübsche Frau ist? „In

Nach dem Schlußapplaus

Das kann ich gut. Eine Krankheit solange verdrängen, bis die Aufgabe erfüllt ist, um nach dem Schlussapplaus stilvoll zusammenzuklappen. Jetzt hab ich das Bild von blutigen, stacheligen Fetzen an Stelle von Lunge oder Bronchien vor Augen. Atmen schmerzt, Schlucken schmerzt, Husten Hölle, gepaart mit Schweißausbrüchen und Frieren. Bei meinem Hausarzt, seit vierzig Jahren vertrautes Gegenüber, herrscht im Wartezimmer eine Husten-Röchel-Sputum zieh hoch – Kakophonie. Jean-Paul – der eigentlich Filippo heißt