Arschkarte

        Kurz vor acht klingelt ein Spielkamerad früherer Jugend, jetzt Fahrer eines Baustoffgroßhandels. „Arschkarte“, sagt er und zeigt auf ein parkendes Auto. „Oder weißt du, wem das gehört?“ Ich verneine bedauernd. er furcht die Stirn. „Ich muß dir alles an den Straßenrand stellen. So komme ich mit dem Kran nicht in die Einfahrt.“ Dieses mal nicke ich bedauernd. Er lädt alles ab, ich unterschreibe den Lieferschein und

Venceremos

Wie wird es sein in fünfundzwanzig Jahren? Wer wird mein Betreuer sein? Werde ich überhaupt einen haben? Oder werden die letzten, revolutionären Zellen dieser Stadt von einer Sammelbetreuerin versorgt? Dann sitzen wir in der Sonne, die Tablettendöschen auf dem Tisch, die Sauerstoffflasche am Roller befestigt, den Urinbeutel in der rechte Socke steckend und verteilen, wenn die Betreuerin grad wegschaut, die bunten Pillen untereinander neu. Wir werden zitternd die gichtige Hand

nicht untypischer Vormittag

  Ich arbeite nicht, um zu leben. Ich erarbeite mir, mehr zu erleben. Wieder einmal hat die Natur es gewagt, ein paar vertrocknete Blätter auf Nachbars Rasen zu verteilen. Schon wird die Laubbläser-Kavallerie gerufen, damit sie zum Angriff blase. Jährliches Ritual, jährlicher Geringaufreger, oft erlebt und trotzdem nervig. Ein Fokuhila-Pornoschnäutzer geht in der Stadt spazieren. Zeigt locker seine Lockenpracht und tut sich nicht genieren, seinen Schnauzbart, schwarz und suppig, mit

Grad treffe ich den Baumschubser in der Stadt und der erzählt, er habe von der Stadt eine Anfrage bekommen. Der Architekt des Rinnsals möchte gerne eine freie Sicht der Achse Bahnhof – Vincenz und deswegen sollen alle Linden, ein-zwei Kastanien und die eine oder andere Platane auf der Bahnhofstraße verschwinden. Ab wann wird Architektenwürgen strafbar`?

besser

Hab gerade ‚Lucy‘ gesehen. Hat mir sehr gut gefallen. Ich mag ja auch das französisch-schmutzige an Monsieur Bessons Filmen. Irgendwo spritzt immer Blut. Aber es ist schon interessant, dass ich heute, vor dem Film, diese Zeilen geschrieben habe. Es besser machen. Besser werden. Ein besserer Mensch.Das war in einer späten Jugend ein durchaus ernst gemeinter Vorsatz.Die Philosophin neben mit raufte sich die Haare.„Was meinst du damit? Besser. Das ist so

Schluss mit peng

Die letzte Drehung unter der Bettdecke.Wachwerden.Augen auf, Schmerz dahinter. Augen zu, Schmerz bleibt.Die Zunge tastet im Mund herum. Auch da Schmerz.Kleine Hautfetzen baumeln vom Gaumen herab und erzählen von dem heißen, gestrigen Pizzabelag.Idealerweise könnten sich die verschiedenen Schmerzen gegenseitig aufheben, aber den Gefallen tun einem diese egoistischen Gefühle nicht. Sie alliieren und verteidigen sowohl Mundhöhle als auch Hinterkopf mit der Vehemenz von Glaubenskriegern.Sind Masochisten in einer solchen Situation eigentlich glücklich?

ohne nichts

  „Das ist ’ne gute Schauspielerin. Aber da war sie zu menschlich.“„Ja, stimmt. Da war sie zu menschlich.“Die plappernden Rößler-Rentner schwafeln sich in Hochform.Ein anderer, frustierter no-name-Rentner befiehlt mir, vom Fahrrad auf dem Gehweg abzusteigen.„Ja, hat man Ihnen denn nicht den Unterschied zwischen Fahrrad und Roller beigebracht“, frage ich freundlich.Grummel-knütter, knütter-grummel.„Aber nicht so knütter-grummel schnell.“„Reichen Sie doch eine Petition ein. Für Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Gehwegen“, rufe ich fröhich hinterher.Knütter-grummel, grummel knütter.Zwei

Lumpen

  „Für Lumpen zahlen Sie 7,50 €. Soviel, wie für den Inhalt einer 70l Tonne“, sagt der Mann am Infotelefon von Lobbe. Am Bringhof wird klar, dass der, mit Altkleidern vollgestopfte Bettbezug erst in Plastiktüten umgepackt werden muß. Während der Umverpackung kommt ein weißhaariger, stämmiger Mann mit dem Imponiergehabe eines Mittelständlers kurz vor der Rente und versucht mir zu erklären, dass die Kleiderspende ja auch gegen die Armut in Indien, überhaupt