100000 Lichter

„Die Wurzel allen Übels ist die Gier“, sagt der Fernsehpfarrer Herzensbrecher, und ich denke, eine Wurzel des Übels ist ganz sicher das Fernsehprogramm. Vor allem, wenn ich an den nächsten Programmpunkt denke. Es ist Betreuungssamstagabend, und die Klientin möchte nach „Herzensbrecher“ im ZDF das Adventsfest der 100000 Lichter sehen. „Weihnachten ist gesund“, zitiert Herr Silbereisen eine Überschrift aus Neue Post oder Frau im Spiegel. Ross Sowieso und eine Frau in

Trockentränen

„Sie sehen aber auch ein wenig plurrig aus.“ „Wie seh ich aus?“ „Plurrig. So um die Augen. Haben Sie einen Infekt?“ „Das kommt vom trockenen Weinen. Meine Tränen sind alle verbraucht. Dabei steh ich grad in der Blüte des Lebens.“ Zur Zeit hat sich der Krieg in den Köpfen gut situiert. Nicht nur Springer ist blutgeil. Rache, Vergeltung, Gegenschlag, Bündnisfall, die Presse kriegt sich gar nicht wieder ein. Leichen live

Vox Populi

Wer in der Öffentlichkeit frühstückt, muß damit rechnen, dass ein streunender Fußballfan auftaucht. Da reicht schon die Anwesenheit mit Basecab oder Schal in Vereinsfarben. Früher oder später wird diese Mannschaftssportart lautes Thema sein. Eine Frau mit rot-gefärbten Haaren und einer Frisur, die ich im Vollrausch und einer Nagelschere auch nicht schlechter hinbekommen hätte, fallen ununterbrochen Worte aus dem Mund. Ihr weibliches Gegenüber nickt, während die Worte um sie herumpurzeln. Draußen

Irgendwas ist immer

Mit dem Handy halten ist es wie mit dem Mikrofon halten. Halte ich es mit den Fingerspitzen, nehme ich es in die Faust? Vielleicht klemme ich es mir auch zwischen die Finger. Wie reagiert die Außenwelt bei welcher Haltung? Sind wir nicht alle kleine Rockstars? Lustig finde ich die, die ihr Smartphone wie eine kalte Pizza vor ihren Mund halten und warte immer gespannt auf den ersten Abbiss. Bislang leider vergebens.

Fotostrecke vor Probenbeginn Antigone letzten Mittwoch

Der Schuttplatz in der Nachbarschaft hat sich schon gut integriert. Holzkunst, Drahtkunst, Drahtkunst, erweitert, Objektkunst, es bietet sich überall Schönheit an. und Bekanntes, und fast Vergessenes. Menden herbst auf, der Sommer wird für dieses Jahr an den Nagel gehängt. Laßt uns lieber eine kleine Runde durch den Wald fliegen. Doch Obacht! Die Giganten kämpfen so schnell, dass sie unscharf wirken. So. Spaziergang beendet, Feuertreppe Scaramouche. Möge die Probe gelingen.

Alltagsabsurditäten

Was für Koordinationsschwierigkeiten in meinem aktuellen Dasein. Körper und Geist sind grad gut voneinander entfernt. Das macht blaue Flecken und Schürfwunden. Gesprochene Wörter verlassen gurgelnd und durcheinander die Kehle. Der eine oder die andere Angesprochene hebt fragend die Augenbraue. Geld vergessen, Termin vergessen, Rosenkohl vergessen, es gibt kein Mittagessen. Das angekommene, und vom Handwerker ausgemessene, Fliegengitter für die Balkontür der Liebsten, ist dem Handwerker zehn Zentimeter zu klein. Ein, und

Ein gemeinnütziger Sozialhelfer erklärt seine Arbeit

„Und schwupps, ist der der Strom weg. Dann haben sie Kinder. Jetzt ist ja ein milder Winter. Dann dauert das, bis die kommen. Aber sie kommen. Und dann müssen die erst mal die Hosen runterlassen. Bis ganz unten. Alles offenlegen. Die Forderungen liegen bei den meisten in irgendwelchen Schubladen. Die müssen sie mitbringen. Alle. Und dann rechnen wir. Wenn´s zuviel ist, reichen wir die weiter zur Schuldnerberatung. Mit Insolvenz und

Sicherheit

„Ich brauche Sicherheiten“, sagt sie. „Für mich, für die Zukunft, für die Kinder, die bestimmt bald kommen, Sicherheit auf dem Konto, auf der Straße. Überhaupt. Es muß sicher sein.“ Sie steht vor der Schaufensterscheibe eines Juweliers, in einer Hand ihr Smartphone, in der anderen einen Regenschirm, eine Schulter leicht eingedellt von dem Trageriemen und hängend von dem Gewicht ihrer Umhängetasche. Ihre männliche Begleitung, gestutzter Vollbart, kleinkarierte Röhrenhose, nickt, während er

Ach Mensch.

In Fröndenberg nennt man Urgroßmütter Tick-Tack-Omas. Aber das ist hinter der Ruhr. Da ticken die Menschen eh anders. Es regnet, aber irgendwie will meine Laune nicht schlechter werden. Zwischenzeitlich denke ich: Ein Billigschirm mit abgeknickter Strebe sieht schon recht traurig aus. Und lache. Dann kommt der ehemalige Getränkegroßhändler mit Kleingeld vom Schützenfest. „Die Banken nehmen das nicht mehr. Unglaublich, wo?“ Er zieht ein kleines, klingelndes Leinensäckchen und wechselt fünf Euro